Kurztext
Dieser Mensch, dem ich dieses eine Letzte antue, muss wissen, dass er an meinem Tod keine Schuld trägt. Er hätte nicht schneller reagieren, langsamer fahren oder früher bremsen können. Ich wähle den Ort und den Zeitpunkt, die Karambolage ist für ihn ebenso überraschend wie unvermeidlich. Er hätte auch nicht das Lenkrad im letzten Moment herumreißen können, um so den Aufprall zu mildern. Ich weiß, wie ich springen muss (vor allem: springen, nicht laufen) und ich weiß, welche Teile des Wagens welche Teile des menschlichen Körper treffen müssen. Keine Wahrscheinlichkeit, totale Sicherheit.
Vielleicht kann dieser Mensch, um eine bleibende tiefe Verletzung seiner Psyche abzuwehren, meine Tat, die ihm wirklich einige Last aufbürdet, zum Anlass nehmen und über die Fragilität des Lebens nachdenken. Dass wir ja doch nur ein wahnwitzig gut funktionierender Organismus sind, dessen Zellen altern, mutieren, wuchern, dessen Blutgefäße platzen (besonders schlimm: im Kopf), dessen Muskeln ihren Dienst versagen (ärgerlich: im Herz) und dessen Lungen verkrampfen (Asthma, Ersticken) oder auch mit Flüssigkeit vollaufen (Ertrinken) können. In jedem Fall befindet er sich nicht außerhalb der Zeit und muss mit Verstreichen eben dieser immer älter und schwächer werden. Nach dem Werden kommt das Vergehen.
Vielleicht kann er darüber nachdenken. Es gibt auch andere Organismen, Fuchsbandwürmer, Zecken, Raubtiere (seltener Nutztiere), oder kleiner noch: Viren und Bakterien, die den Kreislauf des menschlichen Organismus dauerhaft aus dem Tritt bringen können.
Vielleicht kann er darüber nachdenken. Und es gibt vom Menschen erdachte, menschliche Organismen zerstörende Möglichkeiten, viele Möglichkeiten. Schmerzhafte und weniger schmerzhafte. Schnellere und langsamere. In unmittelbarer Nähe und über große Distanzen hinweg. Guillotine, Axt, Bombe (aller Couleur), Hammer, Faust, Fuß und immer wieder Projektile. Auch ein Auto kann so ein Projektil sein, nicht umsonst wird es von Manchem liebevoll als 'Geschoss' bezeichnet.
Vielleicht kommt dieser Mensch, dem ich dieses eine Letzte antue, nach reiflichem Nachdenken zu dem Schluss, dass das Leben ziemlich nicht-sterbenswert ist. Zu wünschen wäre das.
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