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Auf der Suche nach Freundschaft

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Buchpräsentation „Wir haben noch das ganze Leben“ von Eskol Nevo im Jüdischen Museum, 31. Mai 2010

Normalerweise schreibe er nicht über Dinge, die er verstanden habe, sagte der israelische Autor Eskol Nevo bei der Lesung seines jüngsten Buches Wir haben noch das ganze Leben. Darum handelt das Buch von Freundschaft. Nevo fragte sich, was zeichnet Freundschaft aus? Was macht ihre Banden so stark? Normalerweise würden Männerfreundschaften in Israel immer als Soldatenfreundschaften dargestellt. Ihm aber ging es um die Freundschaft vier intelligenter Männer, die sich ihre Freundschaft ohne militärische Banden erhalten. Im Besonderen ging es ihm um die Freundschaft der beiden Hauptprotagonisten Juval und Churchill. Da war etwa die Hälfte des Abends absolviert.

Eskol NevoBis dahin wurde Nevo als einer der bedeutendsten zeitgenössischen israelischen Schriftsteller und Dozent für kreatives Schreiben vorgestellt, sein Roman „Wir haben noch das ganze Leben“ von einer übereifrigen Moderatorin nahezu nacherzählt und sein erstes Buch Vier Häuser und eine Sehnsucht in einer kurzen Dramatisierung zur Aufführung im Veranstaltungsraum des Jüdischen Museums gebracht. Die Lesung selbst wurde zweisprachig – von Nevo in Hebräisch und von Schauspieler André Kaminski in Deutsch – abgehalten. Kaminski klang wie ein Hörbuchsprecher: exakt, warm, akustisch einschmeichelnd. Aber er klang auch glatter, vielleicht weil er eben nicht der Autor ist. Es gab zwei Diskussionsrunden.

Noch bevor Nevo mit der Lesung begann, gab er ein kurzes Statement ab. Der Angriff der israelischen Armee auf die Hilfsschiffe für Gaza lagen erst kurz zurück. Wenn er in Israel sei, würde er seine Regierung hart kritisieren. Wenn er aber nicht in Israel sei, wäre er milder. Es wirkte wie eine Entschuldigung.

Der Schriftsteller betonte, dass sein letzter Roman kein politischer sei, sondern Freundschaft als Prinzip beleuchte. Eben darum sei es den männlichen Figuren gestattet, sich zu zwei Dritteln in einer Blase aufzuhalten, während die weiblichen Figuren viel stärker nach Außen geöffnet seien. Die Frage, ob sich Personen und Freundschaften ändern können, seien zentral für sein Buch, dessen Ende er beim Schreiben noch nicht kannte. Es ging ihm um eine Symmetrie zwischen den vier Freunden. Aber er merkte, dass er Platz für Improvisation brauchte und damit kam eine fünfte Figur in den Roman hinein, die nicht geplant war und die alle Gewissheiten und Symmetrien hinterfragte. Für Nevo war es „abwechselndes Kontrollieren und Kontrollverlust“.

Im Rahmen der Lesung im Jüdischen Museum gab der Autor nicht nur fundierten Einblick in seinen kreativen Schreibprozess, sondern auch zwei mit „Wir haben noch das ganze Leben“ direkt zusammenhängende Anekdoten zum Besten. Zunächst konnte sich der Autor, seine weibliche Hauptfigur Jaara nicht bildlich vorstellen. Er habe dann heimlich seine Schreib-Studentinnen auf ihre Jaara-Tauglichkeit hin betrachtet, konnte sie jedoch nicht in ihnen finden. Erst als er einmal im Zug von Berlin nach Leipzig zur Buchmesse gesessen habe, setzte sich eine Frau neben ihn, in der er sofort seine Jaara sah. Natürlich sprach er sie an und schnell stellte sich heraus, dass sie eine bekannte deutsche Schriftstellerin sei. Statt nach der Ankunft in Leipzig zur Buchmesse zu gehen, ist Nevo direkt in sein Hotel gehastet und notierte alle Details der Zufallsbegegnung. Den Namen der Autorin behielt er natürlich für sich.

Eine noch aufschlussreichere Anekdote war, dass auch der Autor mit drei seiner besten Freunde, je drei Wünsche notiert hatte, die sie nach vier Jahren wieder öffnen wollten – ganz wie die vier Freunde im Roman. Bis heute, also für mehr als zehn Jahre, seien die Wünsche nun versiegelt. Dabei sei keiner der vier Charaktere des Buchs einer seiner Bekannten oder gar er selber. Obwohl er als Dozent für kreatives Schreiben solche Prozesse durchschauen sollte, bleibe dieser Vorgang mysteriös. Insgesamt hat sich der Autor Nevo nicht gescheut, sehr zum Vorteil des Abends, sein Autorennähkästchen weit zu öffnen.

 

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