Bastian Buchtaleck

Die Ausweitung der eigenen Sichtbarkeit ist zum allgemeinen Gebot geworden

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Was ist das eigentlich: Ellbogengesellschaft?

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Kommentar zur Situation der Schließfächer in der neuen Zentralbibliothek der Humboldt-Universität mit einem Hang zur Verallgemeinerung

Bekannt ist, deutsche und englische Urlauber liefern sich in den attraktiven südlichen Urlaubszielen wahre Handtuchschlachten. Das bedeutet, der englische Tourist geht gegen acht Uhr, gerade noch vor dem Frühstück, an den Strand oder Pool und reserviert sich mit seinem Handtuch seinen Platz. Ein weiteres für seine Frau und zwei kleinere für die Kinder. Kurz zuvor geht er verärgert wieder weg, weil der deutsche Frühaufsteher schon um 6:30 Uhr sein Revier markiert hat.

Das könnte man nun abtun und behaupten, natürlich, diese Pauschaltouristen sind eben ein seltsamer Schlag Mensch. Wer sich in All-Inclusive-Hotelkomplexe verfrachten lässt, die nicht wenige mit Sardinenbüchsen vergleichen, der fährt am Strand auch seinen Ellbogen in Form eines Handtuches aus.

Aber genau dieses Phänomen gibt es auch an deutschen Universitäten. Andere in Listen eintragen zum Beispiel oder ihnen einen Platz frei halten. Im Seminar für ein paar Minuten. In der Bibliothek auch mal für mehrere Stunden. Es ist auch bekannt, dass Studenten der juristischen Fakultät für sie wichtige, aber nicht entleihbare Bücher aus dem Regal entnehmen und abends an einen anderen, nur ihnen bekannten Ort zurückstellen.

Nun aber treiben es Studenten in der jüngst eröffneten Zentralbibliothek der Humboldt Universität auf die Spitze. Das Konzept der offenen Bibliothek sieht kostenfreie Schließfächer vor, eine große Menge sogar. Kein Pfand-Euro, keine Zahlenkombination oder ein nicht mitgebrachtes Vorhängeschloss darf den Besucher der Bibliothek behindern. Einfach schließen, Schlüssel rum, raus und fertig.

Trotzdem sieht man zuletzt immer mehr Studenten ratlos nach einem freien Schließfach suchen. Denn irgendwann kam der erste Geistesarbeiter auf die geistreiche Idee, das Schließfach zwar abzuschließen, aber nicht im geschlossenen, sondern im offenen Zustand. Auf dieser Weise kann man den Schlüssel an sich nehmen. Für alle weiteren Nutzer fällt dieses Schließfach dann aus. In diesem Sinne sind knapp ein Fünftel aller Schließfächer des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums ein Zeichen der Unsolidarität bzw. der fortgesetzten Ellbogengesellschaft.

Deutsche Urlauber würden ihre Handtücher sicherlich gleich am Strand liegen lassen, wenn sie keine Angst haben müssten, diese würden verschwinden. Deutsche Studenten machen vor, wie es gehen könnte: nehmt den Sand mit, auch dann kann sich niemand anderes mehr hinlegen.

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Foto: Till Wörfel

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