Weit herumgekommen
Timmerberg, Helge: Der Jesus vom Sexshop. Stories von unterwegs, Rowohlt Berlin, Berlin 2010, ISBN 978-3-87134-636-1, 304 Seiten, 18,95 €; [
4/6]
Ein Kirchenheiliger ist der weitgereiste Journalist und Autor Helge Timmerberg wahrlich nicht. Dass sein neuestes Buch „Der Jesus vom Sexshop“ heißt, dürfte also ein kleiner Witz sein und sich höchstens über eine vage äußerliche Ähnlichkeit erklären lassen – wobei natürlich unbekannt ist, wie Jesus ausgesehen haben mag. Mehr als 20 Texte sind in den „Stories von unterwegs“ zusammengefasst, die im weitesten Sinne als Reisereportagen bezeichnet werden können. Der Titel dürfte auch eine Anspielung sein, auf Timmerbergs hedonistisch-lustbetonte Art durchs Leben zu gleiten, die im klaren Kontrast zur Bescheidenheit der Religionsfigur steht...
Die ganze Rezension im Titel-Magazin lesen.
Zur Liste mit allen Rezensionen.
Hier noch ein kurzer, sehr gelungener Auszug aus dem Buch:
»Ein weiteres beherztes Nein galt dem Krawattenzwang, der Wehrpflicht, dem deutschen Schlagen, dem deutschen Wetter und dem Objektivitätsanspruch im Journalismus. Nein zur Lüge, nein zur Langeweile, nein zu drogenfreien Redaktionen. Die Freiheit der siebziger Jahre war Rausch statt Arbeit, die Freiheit der Achtziger war Rausch trotz Arbeit, die Freiheit der Neunziger sah folgendermaßen für mich aus: wohnen in Marrakesch, schreiben für den deutschen Boulevard. Einmal die Woche und so gut bezahlt, dass mit die Arbeit wie das Putzen von Aladins Wunderlampe vorkam. (...) Ich selbst habe es nie zu wirklichem Reichtum gebracht. Aber ich weiß es von Freunden. Die Freiheit der Millionäre ist brutal. Und die Freiheit der Milliardäre tausendmal brutaler. Wer sich alle Träume kaufen kann, hat bald keine mehr. Und was ist eigentlich mit der Freiheit von der Eitelkeit? Der Freiheit von der Wollust? Der Freiheit vom Neid? Ist die Freiheit von den Todsünden sekundär? Das in etwa sind meine Fragen.« (Seite 300)





