Verrufenes System Politik
Blome, Nikolaus: Faul, korrupt und machtbesessen? Warum Politiker besser sind als ihr Ruf, wjs Verlag, Berlin 2008, Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, 2009, ISBN 978-3-89331-948-0, 155 Seiten, [
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„Wenn schon regiert werden muss, dann, bitte, wenigstens nicht von Menschen, die hässlich sind oder langweilig“, schreibt der Journalist und Autor Nikolaus Blome als Replik auf das Politikervorurteil „Politiker sind eitel und machen nur Show“. In dem Buch „Faul, korrupt und machtbesessen“ versucht Blome darzulegen, „Warum Politiker besser sind als ihr Ruf“ und gleich vorweg: es ist grandios in die Hose gegangen. Das liegt maßgeblich an solch unsäglichen Aussagen wie im Eingangszitat. Solche verbalen Ausrutscher sind in dem Buch, das sogar von der Bundeszentrale für politische Bildung lizensiert wurde, leider nicht die Ausnahme, sondern die Regel.
Nur zwei Argumentationsmuster
Das Buch behandelt ebenso viele Vorurteile, wie es Kapitel hat. „Politiker sind faul“ oder „Politiker sind alle korrupt“ und „Politikern kann man nicht glauben“ sind die Überschriften. Blome hat zwei Argumentationsstrategien, die er er konsequent auf jedes Vorurteil anwendet: Entweder sind Politiker auch nur Menschen und darum genauso fehlbar wie jeder Einzelne oder Politiker sind Teil eines Systems, welches wiederum von jedem Einzelnen mitgetragen wird und keine besseren Handlungen zulässt. Es läuft immer auf das eine oder das andere hinaus. Politiker sind nur so faul oder korrupt, wie jeder andere auch oder man kann ihnen nicht glauben, weil der Wähler geschönte Wahrheiten mit seiner Stimme honoriert. Wer diese beiden Argumentationsstrategien verstanden hat, kann das Buch genauso gut weglegen. Keine Einzelfälle, keine Besonderheiten, keine eingehende Betrachtung, schlicht Wiederholung. Klingt ein wenig einfach? Ist es auch! Auf diese Weise kommt Blome immer zu einem Ergebnis: Seinem.
Beinah unerträgliche Parteinahme
Andererseits muss eingeräumt werden, dass diese Rezension in gleichem Maße wie das Buch auf Ansichtssache beruht. Denn der Autor des Buchs repräsentiert eine legitime Sicht auf die Politiker, die jedoch – nach Meinung des Rezensenten – fatal falsch ist. Denn viel zu auffällig, als man das Buch noch ernst nehmen könnte, nimmt es eine politische Position ein. Wenn sozialdemokratische Merkmale „fettige Wurststullen“ und „verdreckte Fingernägel“ sind, man als Grüner in „Latzhose“ anzutreten hat und die Linkspartei ausschließlich Hohn und Spott erntet, dann ist dies fernab jeder objektiven Position. Ausgeprägt zeigt sich diese Parteinahme im Kapitel „Politikern kann man nicht glauben“. Dort werden zuerst Negativbeispiele – einmal die Linkspartei, einmal die SPD und einmal beide Parteien gemeinsam – präsentiert, um anschließend zu zeigen, dass Glaubwürdigkeit für Politiker trotzdem sehr wichtig ist. Der für dieses Kapitel sehr interessante Fall des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch ist Blome sicher nicht entgangen und dennoch nicht enthalten.
Der Mensch als Verdränger und Kämpfer
Doch es ist nicht nur diese Parteinahme, die das Buch überaus verdächtig macht. Es ist auch die Sicht auf Welt, wie sie im Buch gepflegt wird. Natürlich ist das wieder Ansichtssache, aber Passagen wie folgende: „Führung riecht in Deutschland immer noch nach Braun, nach „Führer“. Schönen Dank dafür, ihr lieben Achtundsechziger“ oder dieser Vergleich: „Darüber hinaus verliert der Politiker das Recht an Privatheit, Freizeit und Schlaf, was in gänzlich anderem Zusammenhang an die Zustände im US-Gefangenenlager Guantanamo erinnert“ lassen keine Fragen offen. Ebenso vertritt Blome in dem Buch ein einseitiges, abschreckendes Bild vom Menschen. „Politiker sind in einer extremen Situation, wie Menschen allgemein in extremen Situationen sind: machtorientiert und eitel, sie kämpfen und sie winden sich, scheiternd oder siegend.“ Doch Menschen sind in extremen Situationen auch solidarisch, gemeinschaftlich und hilfsbereit. Blome aber trägt sein Menschenbild des Verdrängers und Kämpfers in das Buch hinein, als ob es nur eine Seite der Medaille Menschlichkeit gäbe.
Nicht zuletzt ist das Buch zwar flüssig geschrieben, aber die einzelnen Kapitel lesen sich wie gestreckte Zeitungskommentare. Sie lassen den Zusammenhang und die gedankliche Geschlossenheit vermissen, die Bücher auszeichnet. Zumal – wie demonstriert – der Text an einigen Stellen und Passagen unüberlegt oder untragbar ist.
Insgesamt könnte man Blome zugute halten, dass er ein eigentlich lohnenswertes Projekt unternehmen wollte. Politiker sind sicherlich besser als ihr Ruf. Doch leider verhindern die deutliche Parteinahme, das abstruse Menschenbild sowie das platte langweilige Argumentationsmuster, dass das Buch der eigenen Aufgabe gerecht wird. Wenn Blome das System Politik dennoch rechtfertigt, dann zementiert er ein zwar gutes, aber dennoch im Detail fehlerhaftes System und blockiert somit notwendige Veränderungen. Auch wenn in der Politik viele Dinge Ansichtssache sind und nach dem eigenen Weltbild entschieden werden, für „Faul, korrupt und machtbesessen“ bleibt nur ein Urteil: Finger weg! Spätestens nach dem letzten Zitat wird klar, dass Blome nicht „den kleinen Mann“ mit seinen Politikervorurteilen im Kopf hatte, als er das Buch schrieb: „Manchmal drängt sich eher der gegenteilige Eindruck auf: Dass die Politik sich viel zu sehr um jenen „kleinen Mann“ kümmert, der immerzu meint, man kümmere sich zu wenig um ihn.“





