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Reger, Rob: Emily the Strange. Die verschwundenen Tage

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Anders – Abseitig - Strange

Reger, Rob/ Grunder Jessica: Emily the Strange. Die verschwundenen Tage, Achterbahn Verlag, Oldenburg 2009, ISBN: 978-3-89982-307-3, 266 Seiten, 16,95 Euro, [ 5/6]

Immer wieder wird es Phänomene geben, die jüngere Menschen ansprechen und für alle älteren Menschen unverständlich bleiben müssen. Emily – eigentlich „Emily – the Strange“ – ist ein solches Phänomen. Längst hat sich die ursprünglich gezeichnete Figur zu einer Stil-Ikone der Gegenkultur entwickelt: Für alle, die sich mit Andersartigkeit identifizieren können. Nun ist von Emilys Schöpfer Rob Reger in Zusammenarbeit mit der Autorin Jessica Grunder der erste Roman zur Kunstfigur erschienen. Mit „Emily the Strange. Die Verschwundenen Tage“ eröffnet sich die Frage, soll man schimpfen, weil die Marketingkette um ein Glied erweitert wurde oder freuen, weil auf diesen Weg zumindest ein paar Menschen lesen, die es sonst eher nicht tun?

„Werde dem später nachgehen und berichten“, ist der charakterisierende Satz des Romans, welcher als fiktives Tagebuch der Protagonistin gestaltet ist. Emily erwacht mit einem Gedächtnisverlust in der kleinen Stadt Blackrock, sogar ihren eigenen Namen hat sie vergessen. Im Verlauf der Erzählung versucht sie, ihr Gedächtnis wieder zu erlangen und kommt dabei einer komischen Geschichte auf die Spur: aus unerfindlichen Gründen hat sie sich den Gedächtnisverlust selbst beigebracht. Naiv und zugleich abgefeimt geht Emily ihren Weg, bei dem Mondlicht, schwarze Katzen, vergossene unechte Tränen und weitere 'strange' Dinge eine wichtige Rolle spielen. Dazu gehören auch abstruse Elemente wie zaubertrankbrauende Schausteller, ein gedankenlesender Junge oder mysteriöses schwarzes Gestein. Hierbei wird das Buch, je weiter es voranschreitet, zunehmend surreal. Dies ist für den Leser zumindest eine Herausforderung, der er sich stellen muss.

Hierbei erweisen sich die Tagebucheintragungen und der Gedächtnisverlust als eine gelungene Kombination. Die nicht alltägliche Erzählweise wird durch Kaffeeflecke, herausgerissene Seiten und eine Menge gekritzelter Zeichnungen abgerundet, ganz wie ein Tagebuch tatsächlich aussehen könnte. Außerdem gibt es wiederkehrende Listen mit immer genau 13 Punkten, die neben einer erzählerischen Funktion auch Humor haben. Auf diese Weise nimmt der Leser direkt Teil an den Gedanken dieses ungewöhnlichen 13jährigen Mädchens. Zwar hat Emily keine Ahnung, wer sie war, aber sie bleibt ein Wesen der Nacht, ein Mädchen mit Albträumen und dem festen Gefühl, überall einfach nur falsch zu sein. „Sie waren gar nicht zufrieden mit mir. Gelinde gesagt. Anscheinend ATME ich sogar auf die falsche Art, zusätzlich zu allem anderen, was an mir FALSCH und STRANGE ist.“

Wenn die gezeichnete Emily den Gefühlen von Verlorenheit, Andersartigkeit, aber auch Rebellentum ein Gesicht gegeben hat, dann übersetzt die Romanfigur diese Identifikationsfläche in eine erzählerische Gestalt. Worte formen einen Halt für jene, die ein wenig anders sind: Emily – the Strange ist längst im Mainstream der Gegenkultur angekommen.

Letztlich ist der Roman mehr als ein Jugendbuch, auch wenn er sich in Aufmachung und Schreibstil an jüngere oder jung gebliebene Leser richtet. Denn er ist nicht nur klug und witzig geschrieben, sondern hat durchaus das Potential, auch „normale“ Erwachsene zu faszinieren und an ihre Zeit als Teenager zu erinnern, in der alles ein wenig Anders war. Zweifelsfrei betrifft die wichtigste Aussage des Buchs gleichermaßen jung wie alt: Persönlichkeit ist etwas, was man hat und was man nicht vergisst und ein wenig Verrücktheit, besser Abseitigkeit, haben noch nie geschadet. Denn schließlich würde lügen, wer behauptet noch nie gedacht zu haben: „Ich habe eindeutig einen merkwürdigen Verstand.“

 

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