In einem fremden Leben aufwachen – Leben mit Alzheimer

Braam, Stella: „Ich habe Alzheimer“. Wie die Krankheit sich anfühlt, Beltz, Weinheim 2007, 185 Seiten, ISBN 978-3-407-85763-7, 17,90 €; [
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„»Habe ich Alzheimer? Ganz vergessen«“, zitiert die Journalistin und Autorin Stella Braam ihren Vater René. Dieser ist emeritierter Professor für Psychologie und an Alzheimer erkrankt. Er hat nicht nur die Diagnose vergessen, sondern kann sich nicht mal mehr an die Untersuchung erinnern. Mehr noch, er wirft seiner Tochter vor, sie würde „falsche Gerüchte“ über ihn verbreiten. Wenn sich die Welt, die Zeit, Zukunft und Vergangenheit um einen herum auflösen, verändern sich viele Menschen, einige werden misstrauischer. Immer wieder muss das Vertrauen neu aufgebaut werden. Was für Freunde und Familie zuweilen schwierig ist, stellt für den Erkrankten jedes Mal ein neues, unbekanntes Problem dar.
Daraus hat Braam das Buch „Ich habe Alzheimer“ gemacht. Geschickt verwebt sie dabei den Krankheitsverlauf ihres Vaters mit medizinischen Informationen. So gibt es zum Beispiel zu lernen, dass Alzheimer die häufigste Form der Demenz, Demenz gleichzeitig keine Krankheit, sondern ein Syndrom und der lateinische Begriff für Unvernunft ist. Durchschnittlich dauert die Krankheit sechs Jahre an, wobei vier davon noch zu Hause bewältigt werden (diese Zeit wird wahrscheinlich dadurch verzerrt, dass man meist erst im hohen Alter an Alzheimer erkrankt). Vier Fünftel verbringen ihre letzten Jahre in einem Pflegeheim. Nur circa ein Fünftel sterben im eigenen Heim oder im Krankenhaus. Dankenswerterweise dramatisiert Braam nicht, sondern bleibt in der Beschreibung so objektiv als es ihr möglich ist. Es entsteht eine Art aufgearbeitetes Protokoll.
Beschrieben werden auch die Verrücktheiten eines Gesundheitssystems (in diesem Fall des holländischen), das sich noch nicht auf diese Krankheit einstellen konnte. Als René in eine andere Einrichtung verlegt werden soll, kommt es im Vorfeld zu einem Gespräch mit der zuständigen Sachbearbeiterin. Allerdings spricht diese in einer für René inzwischen vollkommen unverständlichen Sachbearbeitersprache. Da die Sachbearbeiterin sich nicht auf René einlassen kann, redet sie in der dritten Person über ihn bis schließlich über seinen Kopf hinweg entschieden wird.
Renés große Angst besteht darin, Fehler zu machen. Er versucht seiner chaotischer werdenden Welt mit Ordnung entgegen zu treten. Dafür fertigt René jede Menge Notizzettel an. Doch was helfen die Notizzettel, wenn man nicht weiß, wo sie zu finden sind oder falls man sie findet, wann sie geschrieben wurden und ob sie also noch gültig sind. Mit Fortschreiten der Krankheit verliert René immer mehr den Bezug zur Zeit. Dinge, die nicht in der unmittelbaren Gegenwart liegen, werden unwichtiger. Depressive Stimmungen, Lustlosigkeit, Apathie, allgemein Persönlichkeitsveränderungen sind Teil des typischen Krankheitsverlaufs.
Geradezu nebenbei eröffnet das Buch so die wichtige Frage nach dem Selbst. Die Krankheit entkleidet den Patienten seines Wissens, seiner Sozialisation und seiner Kultur – das (Selbst-)Bewusstsein um die eigene Situation geht verloren. Die Kontrolle auch. Ist das, was am Ende übrig bleibt, noch der Mensch, der man war? Ist das überhaupt noch menschlich oder gerade menschlich? „Als am Ortsausgang das durchgestrichene Schild 'Tilburg' erscheint, ruft er aufgeregt: »Hierher komme ich nie wieder zurück.«“ Diesen Ausruf kann man durchaus im doppelten Wortsinne verstehen. Ebenso klingt am Rande das Dilemma der Angehörigen an. Die Pflege braucht viel Zeit, die man nicht hat. Andererseits ist die Pflege in einem Heim oft unpersönlich und teilweise nachlässig. Manchmal wird der Patient zusätzlich durch Medikamente 'ruhig gestellt'. Jede Handlungsoption ist gleichermaßen nicht richtig. Braam übergeht dieses Dilemma. Wahrscheinlich weil sie ebenso davon betroffen ist.
Gegen Ende wird das solide geschriebene Buch dringlicher, weist wie ein Gutachten auf die Missstände in der Alzheimer-Pflegeversorgung. Ohne besondere sprachliche oder metaphorische Glanzlichter zu bieten, kommt es gerade durch die objektive Schilderung zu einigen anrührenden Momenten. Zum Beispiel, wenn René eine „Forderliste“ an die Politik schreibt unter dem Motto: „Wenn ich das Sagen hätte, ...“. Er fordert Alzheimer-Patienten wie Menschen zu behandeln. Er warnt die Politik, dass sie sich auf eine 'Demenz-Explosion' einzustellen habe und die Patienten ernst nehmen solle, also mit ihnen, nicht über sie zu reden. „Ich habe Alzheimer“ kommt gerade zur rechten Zeit. „Demenz wird bereits als graue Zeitbombe der reichen Länder bezeichnet“, schreibt Braam, da die Alterspyramide bekanntermaßen im Wandel begriffen ist. Noch wäre Zeit, sich darauf einzustellen.
Das Buch habe ich als Recherche für mein Drehbuchprojekt "Einmal noch" gelesen
Eine kurze Rezension des Buchs habe ich für Alzheimerblog.de geschrieben
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