Bastian Buchtaleck

Die Ausweitung der eigenen Sichtbarkeit ist zum allgemeinen Gebot geworden

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Der nackte Wahnsinn

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Was im Theater hinter der Bühne abläuft, ist – so könnte man sagen – „der nackte Wahnsinn“. Und genau diesen bringt das Stadttheater Gießen mit der gleichnamigen Komödie des britischen Autors Michael Frayn im Großen Haus zur Aufführung.

Im ersten Akt geht es um die Generalprobe einer wenig talentierten Schauspieltruppe, bei der fast alles schief geht und die immer wieder aus den verschiedensten Gründen unterbrochen wird. Darum unterbricht der Regissuer des Stücks im Stück „Nothing On“ mehrfach und lässt weite Teile wiederholen. Im zweiten Akt wird die Kulisse gedreht und der Zuschauer betrachtet das Geschehen, welches sich hinter der Bühne abspielt. Seit 14 Tagen quält sich die Truppe durch Provinztheater
und verstrickt sich immer tiefer in die im ersten Akt angedeuteten privaten Verflechtungen. Natürlich leidet darunter das einstudierte Stück. Im dritten Akt schließlich sind Schauspieler wie Bühnenbild völlig aus der Fassung. Die Querelen haben ihre Spuren hinterlassen. Das Schauspiel ist fahrig, Text wird vergessen und das Private mit auf die Bühne gebracht.

 

In jedem Akt wird „Nothing On“ genau einmal durchgespielt und daraus zieht das Stück seine komische Wirkung. Die Wiederholungen aus dem ersten Akt entfalten ihren Sinn, wenn im zweiten Akt „Nothing On“ von hinten durch das Panoramafenster des Bühnenbildes zu sehen ist. Das Chaos auf der Bühne lässt sich dann zumindest erahnen. Die einzelnen Akte werden dabei immer kürzer, so dass das Stück an Geschwindigkeit gewinnt und jeder Akt wird, angefeuert durch die hysterischen Charaktere, ein wenig skurriler, bis sich schließlich zeigt: der nackte Wahnsinn findet hinter der Bühne statt.

Die Komödie „Der nackte Wahnsinn“ vereint die verschiedensten Sub-Genre: Klamauk, Parodie, Farce, Groteske, Posse, Slapstick, Ironie sind die Bestandteile und machen die Stärke des Stücks aus. Sie funktionieren umso besser, da sie als „Spiel im Spiel“ entsprechend markiert sind. „Nothing On“ ist eine Ironie auf Laientheater. Das „Drumherum“ ist eine Parodie des Drumherum. Als Zuschauer kann umso befreiter lachen, da man von diesem Doppelspiel sicher aufgefangen wird.

Einen Beitrag dazu leistet das Bühnenbild von Thomas Döll (nach Entwürfen von Monika Gora). Es sieht aus wie ein großzügiges 50er Jahre Wohnzimmer im Biedermeier-Chic und besticht durch seine vielen, vielen Türen. Acht sind es an der Zahl, dazu noch zwei Fenster und ein Kamin mit einem großen Bild darüber. Es wirkt in seiner biedermeierlichen Geschlossenheit übertrieben. Genauso die großen Gesten der Schauspieler bei „Nothing On“. Sie sind ein von der Regie bewusst
angelegtes „Overacting“ und stellen gemeinsam mit einer gewollt flachen Inszenierung eine Parodie auf Laientheater dar. Dazu gehören auch zwei identische blaue Pan Am Umhängetaschen, sowie zwei billig wirkende Pappkartons als Behälter für wichtige Akten. Diese beabsichtigte Überstilisierung ist eine Gratwanderung. Denn wenn Schauspieler eines Stadttheaters eine Laienschauspielgruppe mimen, dann droht auf der einen Seite der Vorwurf, sich lustig zu machen und auf der anderen Seite die Erinnerung daran, dass man selber „nur“ in einem „Provinztheater“ ist. Dass es weder zu dem Einen, noch dem Anderen kommt, liegt an der erfrischenden, aber auch unaufgeregten Inszenierung durch den Regisseur und Schauspieler Matthias Kniesbeck, der seine mittlerweile vierte Arbeit für das Stadttheater Gießen ablieferte.

Kniesbeck versteht es in „Der nackte Wahnsinn“ das Beste aus den Gießener Schauspielern heraus zu holen. Die Besetzung nach Schauspieltyp funktioniert wunderbar. Petra Soltau (Dotty Otley), Roman Kurtz (Regisseur Lloyd Dallas) oder Christin Heim (Brooke Ashton) sind wie für ihre Rollen geschaffen. Aber auch den anderen Mitgliedern des Ensembles, Gunnar Seidel (Garry Lejeune), Christian Fries (Frederick Fellowes), Carolin Weber (Belinda Blair), Harald Pfeiffer (Selsdon Mowbray), sowie Irina Ries (Poppy) und Johannes Lang (Tim Allgood) passen ihre Figuren wie angegossen. Und das ist vielleicht das Bemerkenswerteste überhaupt an der Gießener Inszenierung: Neun Schauspieler spielen in fünfzehn Rollen gleichwertig miteinander auf der Bühne. Kein Schauspieler sticht heraus, nicht im positiven und schon gar nicht im negativen. Eine geschlossene Ensembleleistung.

Man glaubt, das Stück macht den Schauspielern tierisch Spaß. Ob es tatsächlich so ist oder gut geschauspielert wurde, bleibt egal. Die große Leistung besteht darin, die Spiellaune zu übertragen. Denn viel zu oft ist die vierte Wand des Theaters derart starr, dass auch immer eine Barriere zwischen Publikum und Schauspielern bestehen bleibt. Diese aber wird in Gießen gehörig eingerissen. Der „Funke Theater“ springt über und entzündet eine feine Komödie.

Am Ende des Stücks heißt es: „Wenn rings umher die Welt in Stücke bricht, geht nichts über einen großen – was...“ und das komplette Ensemble antwortet: „Vorhang“. Darin zeigt sich, dass der „Der nackte Wahnsinn“ nicht nur eine Komödie, sondern auch eine Parabel auf die heutige Zeit ist. Zwar gibt es im „wahren Leben“ keinen Vorhang, den man einfach zuziehen kann, aber das, was hinter der Fassade läuft – so weiß man nun – ist der nackte Wahnsinn.

 


Foto: Till Wörfel

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